Das 20. Türchen

      Das 20. Türchen



      Radar konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Die letzten Tage hatte er weder geschlafen noch gegessen. Schlafmangel mag ja noch angehen, aber als Radar nicht mehr im Messezelt auftauchte begann Igor sich ernsthaft Sorgen zu machen. Und wenn Igor schon mal etwas mit Ernst machte, dann war es wirklich ernst. Trapper, Hawkeyes und die anderen hatten erst Mal ausgiebig an der Matratze gelauscht und waren irgendwann wie Gespenster in die Messe getrappt um einen Kaffee zu trinken. Das war in etwa 1,5 Tage später und mitten in der Nacht. Der Kaffee war kalt und die Messe auch, so dass sie beschlossen doch wieder zum Sumpf zurückkehren wollten um sich dort einen Drink und noch eine Mütze Schlaf zu genehmigen.

      In Radars Büro brannte Licht. Trapper stieß Hawkeyes von der Seite an und zeigte mit seinem Finger in Richtung Tür. Hawkeyes zuckte mit den Schultern und sie gingen zurück zum Sumpf, wickelten sich in Decken und schlürften einen Martini. Frank war irgendwo verschollen. Aber das war ihnen gerade recht. Irgendwo hatte Frank Kekse versteckt und sie hatten Hunger.

      Währenddessen rumorte es in Radars kleiner Schreibstube. Sein Schreibtisch lag voller Papier, Schnipseln, Fäden und anderem Kleinkram. Er hatte stundenlang mit Sparky verhandelt, war dann meilenweit gefahren um alles einzusammeln und schliesslich verstaute er alle unter seinem Bett. Dann hatte er beschlossen erst einmal zu schlafen. Unruhige rollte er auf seiner Pritsche hin und her, bevor er dann doch vor lauter Erschöpfung in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel. Als er aufschreckte und auf die Uhr sah und schliesslich vorn Sparky erfuhr, welcher Tag war begann seine Arbeit. Nun lehnte er sich zurück und betrachtete sein Werk. Er nickte zufrieden.

      Der Father hatte zusammen mit einigen Pionieren einen Weihnachtsbaum im Messezelt aufgestellt und die entsprechende Ecke mit einem Tuch abtrennen lassen. Der Baum sollte eine Überraschung sein. Radar hatte alles bis ins Kleinste geplant. Er hatte mit dem Koch verhandelt, mit dem Padre und mit seinem Kommandeur. Sie würden das Weihnachtsfest einmal ein bisschen anders feiern. Er kramte seine Sachen zusammen, zog sich den warmen Parka an und zog seine Mütze tief ins Gesicht. Dann überquerte er den Vorplatz, trat in die Messe ein und verschwand hinter dem Vorhang. Igor sah ihm verwundert nach. Der Padre hatte ein strenges Verbot ausgesprochen, was den Vorhang anging, aber bei Radar konnte man nie wissen. Ausserdem gab es heute Rührei und das liebte Radar doch so sehr!

      Radar schaute den Baum zufrieden an und fing an den Baum mit den Inhalt seiner Kiste zu dekorieren. Da waren gelbe Strohsterne, gelbe Fröbelsterne, die er in mühsamer Kleinarbeit an den letzten Tagen gefaltet hatte, da waren ein paar goldene Kugeln, die er auf dem Schwarzmarkt gefunden hatte, Bonbons in goldenem Papier, die er mit Bindfäden an den Baum hängt, Engelchen, die er aus gelben Karton ausgeschnitten hatte und eine riesige Popconrgirlande, die Ihm der Father zur Verfügung gestellt hatte. Der Baum war gelb. Und oben auf die Spitze setzte er einen goldenen Rauschgoldengel, den er selbst gebastelt hatte. Der Rauschgoldengel stammte aus Nürnberg. Das war eine Stadt irgendwo in Europa. Wo genau wusste Radar nicht, aber Sprakys Grossmutter kam von dort und daher hatte er auch die Anleitung. Der Baum war ein Traum - aber er war noch nicht fertig.

      Als die Mannschaft mit dem Frühstück fertig war wurde die Messe auf Radars Geheis hin geschlossen. Die Tische deckte er mit gelben Bettüchern, er stellte gelbe Kerzen auf und hängte gelbes Transpartenpapier vor die Lampenschirme. Alles sollte in gelb und gold erstrahlen. Sie hatten in den letzten Tagen zu viel Blut gesehen. Rotes Blut. Weihnachten sollte hell erstrahlen. Weihnachten sollte warm sein, wie die Sonnenstrahlen und hell wie das Christuskind. Alle sollten sich am warmen Licht des Weihnachtsfestes erwärmen. Auch das Essen war vornehmlich gelb: Mais, Kartoffeln, ein Truthahn und zum Nachtisch Pfirsiche aus der Dose mit Sahne.

      Als alle langsam hinter dem Father ins Messezelt einzogen umfing sie Radars Weihnachtsonne. Die Gesichter begannen zu strahlen. Radar sah alle zufrieden an. Nun war wirklich Weihnachten.




      Legende vom Rauschgoldengel

      Der Nürnberger Rauschgoldengel ist zum Ende des Jahres 1700 entstanden.Damals lebte in Nürnberg ein Handwerksmeister namens Hauser. Dem war sein einziges Kind, eine kleine Tochter, nach einer schweren Krankheit gestorben. Ohnehin schon Witwer, lebte der Mann fortan allein in seinem Haus, und der Schmerz über den Tod seines Kindes überwältigte ihn so, daß er nicht mehr in seine Werkstatt ging, seine Freunde nicht mehr aufsuchte und erst recht jeden Zunftabend mied.

      Stundenlang saß er neben dem Bett, in dem das Kind gestorben war und aus dem sie es fortgetragen hatten.Er starrte auf die Kissen, strich darüber und konnte sich nicht in den göttlichen Ratschluß finden. Er entließ seinen Gesellen, denn wozu sagte er sich, soll es noch einen Sinn haben, an Schraubstock und Hobelbank zu stehen. Am Tage, wenn die Fensterläden offen standen, schmerzte ihn das Sonnenlicht, sobald aber die Dunkelheit kam, fürchtete er sich vor der Nacht, in der ihn die Traurigkeit immer von neuem überwältigte.

      Darüber verging die Zeit. Eines Nachts als er schließlich nach langem Grübeln in einen leichten Schlaf gefunden hatte, ging plötzlich die Tür auf, und von einem hellen Schimmer umgeben, sah er eine Gestalt hereinkommen, ganz in ein goldenes Gewand gehüllt. Als der Mann genauer hinsah, bemerkte er daß es das Nürnberger Gewand war. Außerdem sah er daß das Wesen weder Arme noch Hände, dafür aber zwei mächtige goldene Flügel hatte. Ein Engel! Jetzt kam dieser Engel auf ihn zu, blieb an seinem Bett stehen, setzte sich dann und neigte den Kopf zu ihm herunter. Da erkannte der Mann, daß er seine verstorbene Tochter vor sich hatte.Sie lächelte und erzählte ihm, wie gut es ihr ginge und sie bat ihn, nie mehr um sie zu weinen.

      Der einsame Mann versprach es, aber davon erwachte er, fuhr im Bett hoch und war allein, wie immer. Doch es kam ihm vor als ob ein goldener Glanz in der Stube zurückgeblieben war, auch die Tür stand noch offen. Da wurde ihm das Herz leicht, und er fand keinen Schlaf mehr bis der Morgen kam, und immer sah er das Gesicht des Engels vor sich.

      Als der Morgen graute, ging er in seine Werkstatt und suchte ein Klötzchen Lindenholz. Das weiche Holz der Linde verarbeitete er selten, deshalb dauerte es ein Weilchen, bis er das richtige gefunden hatte. Aber noch während er suchte kehrte immer mehr Lebensmut zurück. Plötzlich sah er wieder eine Aufgabe vor sich: Er wollte versuchen, das Gesicht seines verstorbenen Kindes aus dem Lindenholz zu schneiden. Er wollte es so schnitzen, wie er es in der Nacht als Engel gesehen hatte.

      Die nächsten Tage schnitze er und je deutlicher ihn aus dem Holz das Gesicht seines Kindes ansah, desto zufriedener wurde er. Doch mit dem Gesicht alleine war es nicht getan. Er beschaffte sich Rauschgold für die mächtigen Flügel, außerdem hatte der Engel einen plissierten goldenen Rock getragen, den er aus einem dünn ausgewalzten Messingblech fertigte.

      In den nächsten Tagen war er so in seine Arbeit vertieft, daß er nicht hörte wie an seine Tür geklopft wurde. Es waren seine Freunde, denen es keine Ruhe mehr ließ, nachdem sie ihn tagelang nicht mehr gesehen hatten. Sie versuchten durch die Ritzen der Fensterläden zu sehen. Nur das glänzen und blitzen des Goldes war zu sehen. Dann riefen und klopften sie lauter und da hörte er sie und ließ sie eintreten.

      Die Schönheit des Engels machte sie sprachlos. Er erzählte ihnen von seinem Traum, aber ihnen genügte es, daß er wieder ins Leben zurückgefunden hatte.

      Um immer mit seinem verstorbenen Kind verbunden zu sein, fing der Mann an mehrere Rauschgoldengel herzustellen.

      Zum kommenden Christkindlesmarkt hatte er so viele fertig gebracht, daß er einen Stand mietete und sie ausstallte. Wie immer, wenn es etwas neues gibt, drängten die Käufer und rissen sich um die Rauschgoldengel. Auch waren alle bereit, ohne zu feilschen gutes Geld für die Kunstwerke zu bezahlen.

      "There is no such thing as being unnecessarily crazy about Alan Alda!"

      status: fangirl

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      Birgit schrieb:

      Ah, wie schön! Und es ward Licht!
      Den Rauschgoldengel musste ich jetzt auch noch mal googlen. Interessant, dass es ein Engel ohne Arme ist!

      Interessant - das ist mir eigentlich noch nie so aufgefallen, dass er keine Arme hat. Also schon, aber nicht so, dass ich ernsthaft nachdachte, warum das so sein könnte.


      Birgit schrieb:

      Ich glaube, im neuen Jahr müssen wir Radar erstmal schlafen lassen!

      ....ja, der war ja dieses Jahr gleich in mehreren Weihnachtsgeschichten unterwegs, der kleine Kerl!!!
      "There is no such thing as being unnecessarily crazy about Alan Alda!"

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